Dr. Peter Bützer

Rebhaldenstrasse 2                              

9450 Altstätten                                  

 

 

8. Dezember 2005 

 

 

Der Mensch nimmt zum Gesetz die Erde;

die Erde nimmt zum Gesetz den Himmel;

der Himmel nimmt zum Gesetz den Weg;

der Weg nimmt zum Gesetz das eigene Weben.

(Lao-tse, Tao-Te-King, Kapitel 25)

 

 

Vernetztes Denken - ein altes Ausbildungsprinzip ??

 

 

Ein Beispiel aus der Natur [[1]] soll deutlich machen, was unter dem Begriff Vernetzung verstanden wer­den soll. Treiberameisen, englisch "Army Ants", sind als Einzeltiere nicht lebensfähig. Sie marschieren bis zum Erschöpfungstod im Kreis herum. Als Kollektiv von einigen hunderttausend Individuen, bilden sie je­doch äusserst effiziente, flexible Teams um das Überleben durch Nahrungs­bereit­stellung und Brutpflege zu si­chern. Erst die Kopplung der Gehirne der einzelnen Ameisen zu einem Grossverband, führt zu ei­nem Ver­halten, das als intelligent umschrieben werden kann. Ein einiger­massen korrektes Bild von die­sen Tieren kann man sich nur machen, wenn man die Einzeltiere, die Strukturen (Königin, Arbei­terinnen, Sol­daten) und die Kopplungen, Vernetzungen (chemische Infor­mations­übertragung), erfasst und zusam­menführt.

 

Nachdem vernetztes Denken in den Schlagzeilen der Bildung und Ausbildung ein Dauerthema ist, muss man sich die Frage stellen, wie das Ziel dieser Denkstrategie erfüllt wer­den könnte, mit komple­xen Situa­tionen realitätsnah umzugehen. Sind die Be­griffe, vernetzt und ganzheitlich nicht aus ihrer Entwicklung heraus verstanden, dann liegt der Schluss nahe, dass praktisch alle Bildung oder Ausbildung die Anfor­derungen erfüllt, wird doch jeder Inhalt als Ganzes und mit vielen Querbezie­hungen vernetzt be­handelt. Und da verschiedene Aspekte bei jedem Thema angesprochen werden, hat das Ganze auch fast immer eine be­achtliche Komplexität, es ist damit auch anscheinend ganzheit­lich. Damit wäre ver­netztes und ganzheitli­ches Denken nur ein Schlagwort, das immer erfüllt war, ohne dass es ex­plizite erwähnt wer­den muss­te. An­sätze zu umfassender Betrachtung sind auch nicht ganz neu, sie sind z.B. schon in den 50iger Jah­ren ausführlich bei Teilard de Jardin zu finden [[2]]. Die ober­flächliche Lektüre der Bücher von Frederic Vester [[3],[4],[5]] konnte in dieser Meinung bestär­ken. Ebenso konnten Bestseller wie das Buch "Wendezeit" von Fritjof Capra [[6]] zum Teil den Ein­druck hin­terlassen, es gehe nur darum, die Erkennt­nisse breiter als bis­her darzustellen, um dem Anspruch nach Vernetzung [[7]] und ganzheitlichem Denken nachzukommen. Das kann nur ein Fehl­schluss sein. Der Paradigmawechsel, der sich bei den Denkmethoden anzubahnen scheint, hat tiefere Wurzeln. Die acht biokyberne­tischen Regeln von Fre­deric Ve­ster [[8]], die "Sieben Denkfehler des Problemlösens in komplexen Situatio­nen" von Peter Gomez und Gilbert Probst [[9]], und die Arbeit von Hans Ulrich und Gil­bert Probst [[10]] deuten dies in ihren Bereichen an. Wie aber sollte man prinzipiell vorgehen? Joseph M. Bo­chenski [[11]] hat darauf hinge­wiesen, dass es verschie­dene Arten Den­ken gibt; die Frage ist offen, wie sich die Art des vernetzten Denkens umschreiben liesse. Sicher muss es die Anforde­rungen erfüllen, die Joseph Bochenski an wissen­schaftliches Denken gestellt hat: "Das wis­senschaftliche Den­ken ist aber nicht irgend ein Denken. Es ist ein ernstes Denken. Dadurch meinen wir erstens, dass es diszi­pliniert ist, dass ein ernst denken­der Mensch seinen Begriffen und Vor­stellungen nicht die Freiheit lässt, ihm vorzuschwe­ben, sondern streng zu seinem Ziele führt. Und zwei­tens meinen wir, dass das Ziel hier ein Wissen ist."

 

Bei komplexen Systemen stösst man mit den heute üblichen Denkmustern bei Umschreibungen rasch an Grenzen. Das Reziprozitätsgesetz des Begründers der Fu­zzy- Logik , Lofti Zadeh, sagt, dass mit zunehmender Komplexität aller Art von Systemen, eine ab­neh­mende sprachliche Schärfe in der Beschreibung dieser Systeme einhergehe [[12]].  Dies drückt gewisser­massen unsere beschränkte Fähigkeit aus, schwierige Sachverhalte einfach darzustellen. Könnte man dieses Reziprozitätsgesetz als Analogie zum Unschärfeprinzip von Heisenberg in der Quantenphysik auffassen? Das spannende ist, dass Ungenauigkeit mit Kreativität in Verbindung gebracht werden kann, weil das Neue meist nicht als lineare Extrapolation aus Bekanntem hervorgeht [[13]].

 

These 0:

Unsere Erkenntnisse sind von so vielen Denkern und Forschern durch beobachten, versuchen, überle­gen, kombinieren und korrigieren aufgebaut worden, dass eine an­gemessene Bescheiden­heit verlangt, dieses Wissen auch aufzunehmen und auf ihm weiterzubauen. Vernetztes Denken kann eine Me­thode sein, Wissen besser zu integrieren und die Zusammenhänge weiter zu erfassen.

 

Unter vernetztem Denken soll hier eine methodische, funktionale Integration der Teile verstanden wer­den, ein polykau­sales aber realitäts­nahes Denken in Verbindung mit der Erfahrung. Es besteht eine Not­wendigkeit ver­netztes Denken anzuwen­den. Nur so kann die reale Welt besser ver­standen werden, ein Anliegen, das schon von Heinrich Pestalozzi vertreten wurde: "Nach meiner Erfah­rung hängt alles davon ab, dass sich jeder Lehrsatz den Kindern durch das Bewusstsein der Überein­stimmung mit ihrer realen Erfahrung als wahr erweise." Bei den Grundlagen und Begriffen, an der eigent­lichen Basis, ist ein sehr grosser Mangel vor­handen, wes­halb Fehl­beurteilungen über Arbeiten in vernetzten Systemen [[14]] so weit verbreitet sind.

 

These 1:

Die Meinung ist weit verbreitet, die Ansprüche von vernetztem und ganzheitlichem Denken seien oft erfüllt, weil die Bedeutung dieser Begriffe meist auf die eigenen Inhalte und deren Gliederung zuge­schnit­ten wird. Wer gibt schon zu, den Überblick über sein eigenes Gebiet nicht zu besitzen?

 

George Miller [[15]] hat zeigen können, dass die Gedächnisspanne eines Men­schen ir­gendwo zwischen fünf und neun verschiedenen Elementen liegt, die unter­scheidbar, erinnerbar und auf längere Zeit vorrä­tig sind. Mit EKG-Untersuchungen wurden diese Erkenntnisse bestätigt [[16]]. Diese Zahl, "sieben plus minus zwei" zeigt eine zentrale Begrenzung un­seres Gedächnisses auf, sie fordert gera­dezu, dass für Überblicke über grössere Bereiche Instrumente und Me­thoden bereitzu­stel­len sind.

Eigentliche Methoden [[17]] über vernetztes Denken für die allgemeine Aus- und Weiter­bildung sind nicht als abgeschlossenes Ganzes, sondern nur bruchstückhaft bekannt, sie sind jedoch nie als einfa­che, brauch­bare Werkzeuge der Didaktik oder Methodik be­reitgestellt worden. Nicht nur in den Naturwis­sen­schaften haben Modelle und Simulatio­nen eine wichtige Aufgabe übernommen, Zu­sammenhänge auf­zu­zeigen [[18]]. Sie be­schränken sich jedoch fast immer auf quantitativ, numerisch er­fassbare Bereiche. Die Folge ist, dass auch im naturwis­senschaftlichen Unterricht noch mehr struk­turelles und funktionales Den­ken gefordert wird [[19]], obwohl das Modell­denken [[20],[21]], an sich ein wichtiger Teil des vernetzten Den­kens, im Ansatz schon vorhanden wäre. Im Gegensatz zum mechani­stischen Den­ken kann man die mo­derne Quantenphy­sik mit dem Wort organisch charakterisieren [[22]]. Es ist heute allge­mein metho­disch- didaktisch noch nicht möglich, ganze Themenbe­reiche, und nicht nur einzelne Bei­spiele, ver­netzt zu be­han­deln. Dazu genügt auch nicht, die hirnphysiolo­gischen Erkennt­nisse der letzten Jahre zu ken­nen, die ganz deutlich auf unterschiedli­che Wahr­nehmungs­bereiche hinweisen (siehe zum Beispiel [[23], [24]]), und erst im Zu­sammenspiel zu grossen Leistungen füh­ren.

 

Linke Hemisphäre                          Rechte Hemisphäre

 

Verarbeitet Informationen                 Verarbeitet Informationen

Nacheinander                                    Gleichzeitig

Arbeitet sequentiell                           Arbeitet simultan

oder strukturell                                 oder in Bereichen

Geht linear vor                                  Erfasst ein komplexes Bild

Registriert Einzelheiten                      Erfasst das Ganze: z.B. ein

z.B. ein Muttermal                             Gesicht

Arbeitet analytisch                            Arbeitet synthetisch

Reduziert                                          Integriert

Wichtig: Unterscheidungen                Wichtig: Verbindungen

Begriffliches Denken                          Bildliches Denken

Ist logisch: sieht Ursache                   Ist assoziativ: sieht Ent­­-

und Wirkung                                     sprechungen und Ähnlichkeiten

 

Bei komplexen Situationen tragen beide Teile des Gehirns simultan zur Entscheidungsfindung bei. Das Detail und viele Fakten (linke Gehirnseite) sind dabei ebenso wichtig wie ein umfas­sender, aber diffuser Überblick (rechte Gehirnseite). Das grobe Bild, wo sich ein Ab­grund befindet kann für einen Wanderer wichtiger sein, als die genaue Struktur der Fels­wände. Für einen Kletterer in dieser Wand wird sich die Bedeutung ändern. Unsere Kultur bildet vor allem die linke Gehirnseite aus, welche unsere rechte Kör­perseite steuert. Das ju­ristische Recht, und der Begriff richtig bezieht sich also nicht zufällig auf diese Seite, und linkisch macht einen weiteren Hinweis auf unsere Bewertung. Vernetzung verlangt  die Ver­­bin­dung von Einzelteilen zu ei­nem Ganzen, darauf hat schon der französische Mathematiker Henri Po­incaré gegen Ende des vorigen Jahrhunderts hingewiesen. Ge­rade das Gehirn selbst ist ein einzig­arti­ges Bei­spiel dafür, das vor allem eine im­mense Vernetzung von 1014 einfachsten Dioden, wie dies die Syn­apsen darstel­len, zu ungeahnten Lei­stungen in den verschiedensten Bereichen fähig ist. Eine Anlaogie zum Kleinsten, bahnt sich heute im Grossen unter Begriffen wie "Die Zivi­lisation und ihre Netzwerke" [[25]] bei Energie, Wasser und Tele­kom­munikation an. Vernetzungen bringen als funktionierende Regelkreise Stabilität. Ab einem bestimmten Vernetzungsgrad nimmt die Stabilität wieder ab, es sei denn es bilden sich wie in unserem Gehirn Unterstrukuren (Untersysteme). Dann bleibt das System auch bei hoher Vernetzung lebensfähig. Die Grenzen auszuloten und optimale Strukturen zu erkennen wäre wohl für alle Bereiche eine faszinierende Aufgabe.

Die zentrale Schwierigkeit bei vernetzten Systemen ist der Zwang, jede Situation beim Sprechen oder Schreiben linear, ein Wort nach dem anderen,  darstellen zu müssen. We­nige Werkzeuge sind bereitge­stellt, diese Einschränkungen wirkungsvoll zu überwinden, Ansätze sind aber vorhanden [[26]]. Bilder, Ablauf- oder Flussdiagramme, Zusam­menfas­sungen oder die Diskussion von Zu­sammenhängen, exemplarische Systematisierung und Struk­turierung bringen oft viel Übersicht, können weitere Ansprüche unserer Denk­prozesse, vor allem funktio­nale, al­lein nicht erfüllen. [[27]]. Polya hat für die Mathematik mit seinem Buch "Schule des Den­kens" [[28]] Wege und Verfahren aufgezeigt, die beispielhaft auch auf andere Fach­gebiete und interdiszi­plinäre Bereiche übertragen werden könnten.

 

These 2:

Zusammenhängende Themen, strukturell (räumlich) und/oder sequentiell (zeitlich) gegliedert in Ka­pitel, erfüllen die Anforderungen des vernetzten oder ganzheitlichen Denkens nicht einmal ansatzweise, sie sind dazu wohl eine notwendige Voraus­setzung. Ein weiterer ebenso wichtiger Bestand­teil ist das me­thodische Vorgehen als Ausbildungsprin­zip.

 

Es ist sicher wert, sich die Frage zu stellen, wie sich die heute wichtigen Begriffe gebildet haben, und wel­ches die Inhalte und Methoden sind, die damit verbunden werden müssen.

 

Holistische Lehren [[29]] sind nicht neu, sie haben sich aber mit wissenschaftlichen Me­thoden nie durchset­zen können, da sie die beobachtbare und messbare Fakten bei den Details oft nicht berück­sichtigt ha­ben. Umfassende Betrachtungsweisen sind von jedermann eingestanden wichtig, aber sie sind aller Kritik, vor allem auch im Detail ganz offen. So hat Erwin Schrödinger gemeint [[30]]: "Wenn wir unser wahres Ziel nicht für immer aufge­ben wollen, dann dürfte es nur einen Ausweg aus dem Dilemma geben: dass einige von uns sich an die Zusammenschau von Tatsachen und Theorien wagen, auch wenn ihr Wissen teilweise aus zweiter Hand stammt und unvollständig ist - und sie Gefahr laufen, sich lächerlich zu machen."

Solange holistische Ideen als Ersatz für die erfolg­reichen reduktionistischen und analy­tischen Me­thoden der klassischen Wis­senschaften gesehen wurden, konnten sie nicht einmal in Ansät­zen Fuss fas­sen. Erst einige neuere, nach­voll­ziehbare Erkenntnisse über Regelmechanismen dynami­scher Sy­steme haben vielleicht zu ei­nem kleinen Durchbruch geführt. Damit wurden einige synthetische und inte­grierende, ergän­zend zu  ana­lytischen und differenzierenden Methoden eingebunden.  Norbert Wiener, der Vater der Kybernetik [[31]], hat in seinem Buch "Cybernetics" [[32]] im Vorwort geschrieben: "Als ich das erste Mal an meinen "Cybernetics" arbeitete, bestanden die Hauptschwierigkeiten, mit denen ich fertig werden musste darin, dass die Begriffe der statistischen Informationstheorie und der Regelungstheorie für die einge­fahrenen Denkgewohnheiten neu und möglicherweise sogar schockierend waren. Heute sind sie als Rüstzeug der Fernmelde- und Entwicklungs­ingenieure auto­matischer Regelungen so selbstver­ständlich, dass die Hauptgefahr mir darin zu liegen scheint, dass das Buch trivial wirken könnte." Wer das Buch von Wiener kennt, stellt sofort fest, dass diese Befürch­tungen nicht begründet sind. Andererseits hat aber der Fort­schritt bei den Informations­technologien, ganz entscheidend vorwärtsgetrieben durch diese wis­sen­schaft­lichen Methoden der Regelungen, ein atemberaubendes Tempo angenommen. Es wäre für alle Wissens­gebiete von Nutzen, die einfachsten Voraussetzungen zu ken­nen, wann beispielsweise selbst­be­schleunigte Abläufe [[33]], wann periodische Vorgänge und wann Prozesse auftreten, die auf einen stabi­len Gleichge­wichtszustand zustreben. Die nichttechnischen Wissenschaften, auch Bereiche in den Na­turwissenschaf­ten, haben noch kaum Notiz von den neuen methodischen Ansätzen genommen. Dies ist sehr schade, denn die Kybernetik hat die Basis dazu geschaffen, für grosse Bereiche gekoppelte Funktionen, re­spektive Abhän­gigkeiten, mit ihren Voraussetzungen und Eigenheiten zu verstehen. Die Kon­zentration auf Details, wie sie auch in Ge­schichtsbüchern oder in der Literatur üblich ist, muss zu Eindrüc­ken füh­ren, die sich aus interessanten, aber exklusiven Bau­teilen zusammensetzen, und daher Zerrbilder liefern. Gerade die Informationstechnologie hat uns mit praktischen Anwendungen drastisch vor Augen geführt, dass opti­mierte Insellösungen nach dem Vernetzen keineswegs zu opti­malen Netz­werken führen [[34]]; viele konkrete Folgerungen hat man hier auf der Basis von Konzepten gezogen, in die Praxis umge­setzt und im Betrieb überprüft. Wissensba­sierte Sy­steme, "künstliche Intelligenz" [[35]] und die Ent­wicklung im­mer anwender­freund­licherer und ergonometrischer Software bauen auf  Metho­den und Strukturen auf, die von den Kunden mit dem entsprechenden Erfolg honoriert werden [[36]].

 

These 3:

Die Informationstechnologien haben nicht zuletzt auch deshalb einen so unglaublich raschen Fort­schritt erzielt, weil sie nebst der Technologie auch die Methoden und die Systematik aufgebaut ha­ben, die De­tails stufengerecht in ein grosses System zu integrieren, zu vernetzen.

 

In derselben Epoche wie Wiener hat der wohl berühmteste Astronom der vergangenen Jahrzehnte, Fritz Zwicky, die angewandten morphologischen Ansätze von Jo­hann Wolfgang Goethe von 1790 [[37]] wieder aufgegriffen, und  als einfache, aber raffinierte Methode dargestellt. Die grosse Chance der Mor­phologie liegt, nebst einer übersichtlichen Systematik, sicher auch in einer umfassen­den Erfassung von Situatio­nen, und damit in der Chance neue, bisher unbeachtete Bereiche zu entdec­ken. Dies kann auch mit dem Begriff Kreativität um­schrieben werden; ein wichtiges Ziel der Bildung und Ausbildung [[38], [39], [40]]. Die Nützlichkeit der grundlegend neuen, wis­senschaftlichen Me­thode hat er sowohl praktisch, wie auch wis­senschaftlich unter Beweis ge­stellt, unter anderem mit der Entdeckung von 123 Supernovae, neuen Te­le­skopen, revo­lutionären Rake­tenantrieben oder unzeit­gemäss frühen, öko­logischen Aus­sagen, Jahr­zehnte vor dem Be­richt "Grenzen des Wachs­tums" des Club of Rome. Er hat die morphologische Me­thode in seinem Tage­buch wie folgt dem traditio­nellen Denken gegenübergestellt [[41]]: "Gewöhnliches Denken ist linear, kausal ausgerichtet. Ebenso Han­deln. Morphologisches Denken aber bezieht alle late­ralen Verbin­dun­gen mit ein. Jede Hand­lung ist nicht nur in der Zeit ausgerichtet, sondern über­denkt auch die lateralen Wirkungen einer Hand­lung." Die Aussagen des wichtigsten Buchs von Fritz Zwicky: "Entdecken, Erfin­den, Forschen im mor­phologischen Weltbild" [[42]], sind nur wenig verbreitet, obwohl sie die Nütz­lichkeit für kreatives und innovatives Denken mit einer Methodik auch praktisch unter Beweis gestellt haben - sie wurden zu ei­ner Zeit ver­öffentlicht, als das mechanistische Denken mit dem grossen Wirtschaftswachs­tum seine Triumphe feierte. Die morphologi­schen Verfahren ha­ben ihre Stärke speziell beim Aufbau von Strukturen. Zur Durchführung um­fassender Untersu­chungen empfahl Fritz Zwicky die Morpho­logie, um, wie er sagte, "die Totalität von verschiedenen Klassen von Erscheinungen derart zu fassen, dass unter den Lösungs­möglichkeiten be­stimmter, vorgegebener Probleme nichts Wichtiges ver­gessen wird." Schon der pro­vokative Titel des Buches von Fritz Zwicky: "Jeder ein Genie" [[43]] sollte Ausbilder auf­merksam machen. Einige Hinweise, wie diese Genies geweckt werden könnten, sind auch in diesem Buch als mor­phologi­sche Methode erwähnt. Weshalb hat sich denn diese hervorra­gende Me­thode des hochbegabten Fritz Zwicky wissenschaftlich nicht durchgesetzt? Bruno Staneck hat über die­sen Mann gesagt [[44]]: "Er konnte zwar durch die Beschäftigung mit verschie­densten Wis­sensgebieten eine einzigartige Breite errei­chen und wie kein anderer Quer­ver­bindungen se­hen, doch ist dies sicher der falsche Weg um in der Welt der Wissenschaft zu Ehren zu gelangen: Dort wird die Länge der Krallen und nicht die Breite der Pfoten gemessen."  Diese Einstellung hat sicher auch ihre Berechtigung, wird doch der Fortschritt in allen Bereichen meist mit einer ganz schmalen Spitze vorangetrieben. Die morphologische Methode hat im Zu­sammenhang mit umfassenden Problemen an Be­deutung wieder zugenommen. Sy­stemische Ansprü­chen, im Sinne nichts Wichtiges zu vergessen, muss auch eine umfas­sende Sicher­heits­politik genü­gen, und es wurden und werden Versuche gemacht, die Morphologie hier in grosser Breite einzusetzen [[45]]. Die integrale Be­trachtungsweise von 1987 ist zur Grundlage der Sicher­heitspolitik, nach dem Umbruch in Europa 1989, geworden. Aller Erfolge zum Trotz, hat die Morphologie ihre Grenzen bei dem, was der eng­lische Novel­list Hugh Walpole 1754 unter dem Be­griff Serendipity [[46]] treffend zu­sammengefasst hat. Se­rendipity heisst etwas finden, wonach man nicht gesucht hat, also eine Zufall­sentdeckung. Morphologie hat beim Aufbau der Systeme, aber auch bei deren Interpretation eine starke Verbin­dung zu Kreativität, auch zur intuitiven, irrationalen Ganzheitlich­keit.

 

"Ein Dom ist etwas ganz anderes als eine Summe von Steinen. Er ist Rechen- und Baukunst. Nicht die Steine bestimmen ihn, er bereichert die Steine durch seine Sinngebung." (Antoine de Saint Exupéry, Flug nach Arras).

 

Vernetzt und ganzheitlich dürfen nicht synonym verwendet werden, sie unterscheiden sich ganz grund­sätzlich. Es gibt, wie z.B. in der Elektronik und der Logistik Gebiete, die das vernetzte Denken in die Praxis umgesetzt haben. Es gibt meines Wissens kein grosses Fachgebiet, nicht einmal die Quantenphy­sik, die den Anspruch erheben kann, eine ganzheitliche Theorie zu besitzen, bei wel­cher nicht mehr zwi­schen Teilen und dem Ganzen unter­schieden wird. Ganzheitlichkeit auf die Physik zu be­schränken ist ein Widerspruch in sich, denn ein Teilgebiet unseres Weltbildes kann niemals ganz­heitlich sein [[47]]. "Ein ganzheitlicher Komplex aber ist niemals ein zusammen­gesetztes Ding und es hat infolge­dessen niemals Teile oder Elemente" [[48]]. In der Teilchen­physik- schon dieser Name ist ei­gentlich falsch- sind heute umfassende, nicht nur vernetzte Theorien aufgestellt worden, welche tief­greifende Auswirkungen nicht nur auf die Natur­wissenschaften haben könnten, der sogenannte "bootstrap-Ansatz" [[49]]. Nach die­ser "Philosophie" lässt sich die Natur nicht auf fundamen­tale Ein­heiten reduzieren, etwa auf fundamentale Elementarteil­chen, sondern muss ganz und gar durch die Übereinstim­mung des Gan­zen verstanden wer­den. Der bootstrap-Ansatz im Rahmen der S-Matrix Theorie gibt nicht nur die funda­mentalen Teilchen auf, sie akzeptiert überhaupt keine fun­damentalen Ein­heiten irgendwelcher Art, keine fundamentalen Kon­stanten, Gesetze oder Gleichungen, was ihn "zu einem der tiefsinnigsten Gedanken­systeme des Abend­landes macht und ihn auf eine Ebene mit der buddhistischen oder taoistischen Philo­sophie hebt." Das Uni­versum wird als ein dynami­sches Netz von Teilen be­trachtet; kein noch so inter­es­santes Detail ist funda­mental. Es ist deshalb ganz entscheidend, klar und scharf zwi­schen vernetzt und ganzheitlich zu trennen. Ver­netztes Denken geht noch immer von an sich existierenden Teilchen und de­ren komplexen Wechselwir­kungen aus. Ganzheitliches Den­ken ist eine Philosophie, eine Einstellung oder eine Weltan­schauung. Die Trennun­gen von Beobachter und Objekt, von Geist und Mate­rie, von ich und Du sind hier nicht mehr zu­lässig. Das solche Ansätze den östlichen Meditationen, wie z.B. der Ken-Zen Einheit sehr nahe kommen sei mit folgendem, cha­rakteristischen und in verschiedensten Abwand­lungen, auch bei Yoga oder Tai-Chi auftretendem Zitat, unterstrichen [[50]]: "Alle Dinge der Welt sind (im Grunde) eines Wesens - ein Leib." Diese asymptoti­sche Annähe­rung in den analytischen und syntheti­schen Denkweisen von Ost und West ist schon seit Mitte der sechziger Jahre vorhergesehen worden [[51]]:  "Nicht die Teile sind wich­tig, sondern das Ganze. Da­bei ist aber Voraussetzung, dass jeder einzel­ne erst einmal ein Gan­zes sei! Bis dahin ist es freilich ein weiter, langer, mühsamer Weg - es ist der Le­bens- und womög­lich auch der Todesweg jedes einzelnen." Auch Teilard de Jardin hat diese Ansätze in seine Überlegungen einge­baut, er integriert Vielheit und Ein­heitlichkeit [[52]], beim Denken wird er deut­lich [[53]]: "Was besagt das anderes, als dass die Wissenschaft oberhalb des Teil- Phänomens, das sich im Erlangen des indivi­du­ellen Denkvermö­gens ausdrückt, noch ein anderes Bewusst­seins­phänomen an­zu­erkennen hat, das sich aber diesmal auf das Gesamtmenschli­che erstreckt. Hier wie anderswo im Uni­versum zeigt sich das Ganze grösser als die blosse Summe der Teile, die es zusammen­setzen." Ganz­heitliche Betrach­tungs­weisen lassen sich, vor allem, weil sie auch eine Ethik ein­schliessen müssen, nicht mehr alleine auf der metho­disch- didakti­schen Ebene diskutieren, da sie die Methoden selbst auch einschlies­sen und a priori nicht mehr me­chanistisch sein können. Albert Einstein hat diesen Schritt vom Wissen zu Zielsetzungen mit den Wor­ten erfasst: "Von der Erkenntnis von dem, was ist, führt kein Weg zu dem, was sein soll."

 

In die Ausbildung sind die heute verfügbaren Erkenntnisse über vernetztes Denken und Morphologie auch bei der Industrie nur vereinzelt eingesetzt worden. Dort hat die mor­phologische Methode, wenn überhaupt verwendet, bei innovativen Prozessen, ei­nige Erfolge zu verzeichnen [[54]]. Erfahrungen mit dem eige­nen Matrixverfahren bei der Erfassung und Auswertung von chemischen Gefah­renpotentialen im Kanton St.Gallen [[55],[56],[57]], aber auch Anwendungen in der Industrie, beispielsweise bei der Auswer­tung von Mon­teurrapporten, haben die Nützlichkeit solcher Methoden auch praktisch unter Beweis ge­stellt. Es ist im Alltag sehr leicht nachweisbar, dass wir nach drei bis vier sich fol­genden logi­schen Schrit­ten, ohne Hilfs­mittel, den Überblick verlie­ren; viele Denksportauf­gaben finden sich da­her an dieser Gren­ze [zum Beispiel [58]]. Nur sehr selten, und eher zufäl­lig und epi­sodenhaft, sind mor­phologische und sy­stemanalyti­sche Ansätze in Lehrbüchern zu finden (zum Bei­spiel [[59],[60]]), welche helfen würden diese Grenze zu überwinden. Das kurz verbindende Weil-Darum und Wenn-Dann, auf der Aufbaustufe not­wendig und an­gepasst, herrscht leider auch in der Anwendungs­stufe der Ausbildung vor.

 

These 4:

Obwohl die Ansicht weit verbreitet ist, dass durch viele Fakten und ausgewählte Ver­bindungen die Pro­bleme vernetzt angegangen werden, hat man sich zuwenig Rechen­schaft dar­über abgelegt, dass eine allgemeine Methode und oder eine breit gültige Syste­matik in die Ausbildung nicht aufgenom­men worden ist. Ein Thema kann mit dem übli­chen Denkraster nicht vernetzt angegangen werden, sondern muss episo­denhaft bleiben, da aus Erfahrung der Überblick nach 3 bis 4 logischen Schritten ohne Hilfs­mittel verloren geht; gerade die vielen und vielfältigen strukturellen, se­quentiellen und funktionalen Verbindun­gen sind das tragende Ge­rüst der Vernet­zungen.

 

Hans Ulrich [[61]] hat in diesem Zusammenhang George Bateson zitiert: "Warum lehren Schulen fast nichts über das Muster, das verbindet ?" Grundsätzlich ist diese Problematik nicht neu, denn wir er­fahren täglich, so beim lesen dieser Seite: "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." Je­der­mann ist mit dieser Aussage ein­verstanden, und es gibt genügend Beispiele, mit denen dies auch fast unwiderlegbar untermauert werden kann. Es ist offensichtlich, dass ein einzelnes Quecksilberatom keine elektrische Leitfähigkeit, keinen Metallglanz ja nicht einmal einen Aggregatzustand haben kann. Selbst Cluster von 10 Queck­silber­atomen weisen noch keine metallischen Eigen­schaften auf. Bei 15 bis 20 Atomen wird die Bindung um einen Faktor 10 stärker, aber erst bei 30 bis 40 Atomen findet der qualita­tive Sprung zu typisch metallischen Eigenschaften statt.  Im Bereich der Sicherheit hat man z.B. erkannt, dass die Entwicklung eines Automobils, welches sich nur auf die Sicherheit seiner Insassen konzentriert, durch seine grosse Masse die anderen Strassenteilnehmer mehr gefährdet und den Fahrer zu einem riskanteren Verhalten verleitet. Oft ist unser Verhalten unbewusst auf ein grösseres Ganzes ausgerichtet. Das Prinzip der Risikokompensation [[62]] sagt, wie das Risikogesetz von Felix von Cube [[63]] aus, dass in einem Bereich gewonnene Sicherheit durch erhöhtes Risiko an anderer Stelle kompensiert wird: "Das Hauptmerkmal eines Triebes ist ja das Anwachsen der Handlungsbereitschaft und - damit verbunden - das Wahrnehmen oder Aufsuchen auslösender Reize. Ein Trieb ist eben nicht statisch, sondern dynamisch, eine treibende Kraft, wie die Bezeichnung richtig sagt. Im Falle des Sicherheitstriebes bedeutet dies, dass dann, wenn Sicherheit erreicht ist und auch noch längere Zeit währt, neue Unsicherheit wahrgenommen oder, wenn erforderlich, aufgesucht wird." Dieses menschliche Verhalten kann somit Sicherheit gefährlich werden lassen. Es kann erst im grossen Zusammen­hang verstanden werden, zu korrekten Modellen und zu sinnvollen Massnahmen führen.

Was im traditionellen Unterricht fehlt, sind ganz eindeutig Mittel und Verfahren, um die gegenseitigen Abhängigkeiten als Ganzes und nicht nur iso­liert auf zwei bis drei Strukturen sichtbar zu machen. Nur so können quali­tative Sprünge und nicht nur quantitative Entwicklungen im Sinne von Extrapolationen erkannt werden. Hier könnte für die Aus­bildung viel Motivation gewonnen werden, sind doch im Verhalten von Systemen [[64]] noch sehr oft "Aha Ef­fekte" möglich, weil Aussagen zu gekoppelten Systemen zum Teil der spontanen, intuitiven Beur­teilung widersprechen. Und weil kom­plexe Systeme sich so oft unvorhersehbar verhalten, öffnen sie uns nach Heinrich Rohrer manche Chance [[65]]: "Man sieht doch nur, was man sehen will. Und ich glaube, Fortschritt bedeutet immer, dass man etwas sieht, das man eigentlich nicht hat sehen wollen. Das ist vielleicht das Erstaunliche an jedem Lernprozess." Um auf Neues, Ungewolltes zu stossen kann auch Methodik und Systematik behilflich sein. Forrester [[66]], der Begründer der "Systemdynamik", spricht in diesem Bereich vom intuiti­ons­widrigen Verhalten sol­cher Systeme, Hans Ulrich [7] bezeichnet dies als irrationales Verhalten. Han­speter Weiss [[67]] ver­sucht hierzu eine Erklärung zu finden, welche Ei­genschaften für den Um­gang mit komplexen Systemen notwendig sind: "Die Analyse der Anforderungen kom­plexer Situationen lässt erahnen, dass hier eine spe­zielle Form der Intelligenz gefordert wird. Es ist jene Form von Intelligenz, die man am besten mit dem alt­modischen Begriff Klugheit zu umschreiben sucht." Es stellt sich hier für die Ausbildung die Frage, wie diese "Klugheit" erworben werden könnte. Weiss sieht, fast paradoxerwei­se, in der An­wendung modern­ster Technologie mit Simulationen eine Möglichkeit, die schon fast ver­ges­sene, "alte" Qualifika­tion "Klugheit" zu schulen [[68], [69]]. Simulationen nehmen auch dort immer einen breiteren Raum ein, wo man keine Erfahrungen sammeln, Zeit gewin­nen und Recourcen schonen kann [[70]].

 

These 5:

Das auf modernster Technologie aufbauende Instrument der Simulation könnte so "altmodische" Qua­lifi­kationen, wie Klugheit im Umgang mit komplexen Situationen verbessern.

 

Bereiche, in welchen systemische Verfahren angewandt wurden, haben sich, auch aus­serhalb der Infor­mationstechnologie, mit einer unerwarteten Beschleunigung ausgewei­tet, so etwa der Verkehr, die Produktion, die Waffentechnik und die wirt­schaftlichen Konzentrationen der Unterneh­mungen [[71],[72],[73],[74]], ganz im Sinne von economies of scale. Die realisierbaren Projekte sind immer grösser, umfangreicher und weitreichender gewor­den. Diese Ausweitung ist von Teilard de Chardin [[75]] schon früh mit den Worten eingefangen worden: "Wenn man sich auch nur ein wenig Mühe macht, das Zu­sammenwirken jener wirtschaftlich technisch so­zialen Kräfte zu untersuchen, die sich seit einem Jahr­hundert in einem immer engeren Netz um unsere Erde schlingen, dann muss man feststellen, dass wir ausserstande sind, uns den Kräften zu entziehen, die uns zu immer engerem Zusammen­rücken zwingen. Während die unaufhaltsame Um­klammerung der Erde durch diese Kräfte in vorindustriellen Epochen der Geschichte noch fast unbemerkt anwuchs, ist sie nun­mehr in ihrer ganzen Stärke jäh und unvermit­telt offenbar geworden."  Für ein um­fassendes Verständ­nis dieser Vorgänge ist eine breit gül­tige Methodik für vernetztes Denken notwendig. Methoden aus der Spezialisten­ebene auf eine allge­meine Anwendung zu transformieren, ist vor allem im Bereich der Ökolo­gie versucht worden, zum Bei­spiel [[76] [77],[78],[79]]; ei­ne breite Umsetzung hat bisher aber nicht stattgefun­den. So sind beispielsweise Aussagen, die beim Treib­hauseffekt auch den sauren Regen korrekt berück­sichtigen kaum zu finden, aber auch das kyber­netische Gaya Modell von Lovelock [[80]] oder das Ökotopia Szenario von Callen­bach [[81]] wird von vie­len Ökolo­gen auf vielen Ebenen, kaum aber mit kybernetischen Ansätzen angefochten. Die Wirtschaft treibt in vielen Pro­duktionsbereichen die Vernetzung gewaltig voran, hier sei nur das Stichwort Computer Integra­ted Ma­nufacturing (CIM) auf­ge­griffen. Aber auch bei diesem Ansatz hat man bis­her wohl die Material­be­schaffung, nicht aber den ebenso wichtigen Bereich der Ent­sor­gung gleichzeitig und gleichwertig berück­sichtigt [zum Beispiel [82]]. Viele der not­wendigen sy­stemischen Arbeitsmethoden wären für einige Teil­be­reiche anwendungs­­reif und mit prakti­scher Erfah­rung verfügbar, eine breite Umsetzung steht noch aus.

Interessanterweise wurden die einfachen, handfesten und metho­dischen Anleitungen von Frederic Ve­ster [[83]] wenig über­nommen, und erst in wenigen Fällen für eine allge­meine Anwendung aufgearbeitet [zum Beispiel: [84]] Leider ist die Methode aber bei den Folgerungen nicht nachvollziehbar einge­setzt wor­den [[85]]. Es wäre wichtig, diese guten Ansätze methodisch sauber einzusetzen und weiterzu­entwickeln, ganz im Wissen, dass vernetzte Ansätze sehr viel, unerwartet viel Zeit erfordern (praktische Erfahrungen im Projekt NERIS der Hochschule St. Gallen [[86]]).

 

Vernetzungen verlangen, dass die Anschlusspunkte auch zusammen­passen. Schon für die Diskussion setzt dies gleich ver­stan­dene Begriffe, gleich definierte Parameter und aufeinander abgestimmte Mo­delle und Vorstellungen voraus. Gerade bei trans­disziplinären Problemen sind aber die ersten grossen Hinder­nisse für vernetzte Betrach­tungen schon auf dieser frühen Stufe zu finden.

 

These 6:

Es ist eine unabdingbare Voraussetzung um Vernetzungen aufbauen zu können, dass die gleichen Be­griffe (Semantik) in ver­schiedenen Gebieten gleich verwendet und die Modell­vor­stellungen auf­einander abge­stimmt sind.

 

Die Entwicklungen, welche von Nobelpreisträger Manfred Eigen mit dem Buch "Das Spiel" [[87]] Mitte der siebziger Jahre eingeläutet wurden, haben in der Wissenschaft der Synergetik , der Lehre von Zusam­menwirken, eine Kombination von Kybernetik, Mor­phologie und Systemanalyse [[88]], span­nende Er­kennt­nisse hervorgebracht. Es wurden Begriffe wie Chaos oder Fraktale mit sehr viel Inhalt gefüllt, die im Be­reich des vernetzten Denkens aller Fakultäten, zum Beispiel: Mathematik [[89],[90],[91]], Biologie [[92],[93]], Che­mie [[94]], Wirtschaft [[95]], Informatik [[96],[97]], Astronomie [[98]], Physik [[99]], Risikomana­ge­ment [[100]],  mit Gewissheit grosse Konsequenzen zeigen werden, ja teilweise schon ge­tan haben. Aber die grosse pädagogische Chance, das Verhalten von komplexen Sy­stemen spielerisch zu erfahren, wie dies im Buch "Das Spiel" so trefflich vorgeschlagen wurde, ist bisher erst in Ansätzen genutzt worden. Diese theoretischen An­sätze sind re­alitätsnah, so hat beispielsweise Hermann Haken für die Geschichte und die Politik wich­tige Folgerungen gezogen [[101]]: "Wie mir persönlich scheint, ist das Bewusstsein, dass eben kleine Umwelt­veränderungen (gleich Änderung der Lebensbedingungen) drasti­sche Zu­standsänderungen eines ganzen Systems bewirken können, bei einer ganzen Reihe von Politikern noch nicht durchgedrun­gen." Als ob er die Situation im Ostblock von 1989/90 vorhergese­hen hätte, leitet er mit grundsätzlichen Überlegungen der Synerge­tik 1988 für die Politik her [[102]]: "Vorbedingungen für ei­nen Umsturz (eine Re­volution) sind da­her entweder eine Lockerung der Regie­rungsmassnahmen, durch die ein Mei­nungsaus­tausch erleichtert wird, oder der Aufbau eines gehei­men Untergrundnetzes." Diese methodischen An­sätze, haben sehr schnell dazu geführt, die Grundlagen zu verstehen, wie Muster er­kannt werden können, ganz unab­hängig von ihrem In­halt [[103]]. Um brauchbare Aussagen zu erhalten, müssen nicht, wie dies von Analytikern immer wieder gefordert wird, sehr genaue Grunddaten vorhan­den sein. Die Resultate von Ab­stimmungen werden schon heute mit angepassten Verfahren (Cluster- Verfahren, Fuzzy- Set- Theorien [[104],[105]]) ausge­wertet und interpretiert, ohne dass dies von der Allge­meinheit wahrgenommen worden ist.

 

These 7:

Die Mustererkennung und der Umgang mit unscharfen (fuzzy) Daten ist für alle Wis­sensgebiete von zen­traler Bedeutung. Einige Methoden sind heute auf wissenschaftli­cher Ebene vorhanden, sollten aber für eine breite Anwendung bei der allgemeinen Ausbildung den Anforderungen der verschie­denen Fächer (Aufgabenstellungen), vor allem aber der entsprechenden Stufe, angepasst werden.

 

Diese Methoden werden immer wichtiger. Die ganze Problematik der Wetter­vorhersage ist in diesem Zu­sammenhang ebenfalls ausgeleuchtet worden. In diesem Kontext wurde beispielsweise ganz provo­kativ die Frage gestellt und beantwortet: "Kann ein Schmetter­ling einen Wirbelsturm auslösen ?" [[106]]. Gera­de die Synergetik und die Chaos Theorie zeigen uns auch die Grenzen von Prognosen und Extra­polatio­nen auf, sie können damit sehr viel zu guten wis­senschaftlichen Aussagen beitragen. So lässt sich mit diesen Grundlagen verstehen, wes­halb ein Fischerkutter ohne Konstruktions- oder Wartungs­mängel in einem Sturm trotzdem sinken kann [[107]]. Die Chaostheorie hat somit inso­fern einen "mensch­lichen" Zug, als ein Unfall mit einem technischen Produkt nicht zwangsläufig zu ei­ner Schuldfrage wer­den muss.

 

Vernetztes Denken kann in einem Fachgebiet isoliert nicht stattfinden, meint man doch schon mit dem Begriff Fach eine Abgrenzung. Noch strenger geht der Begriff Abteilung mit der Vor­stellung ab­trennen und isolieren parallel. Carl Friedrich von Weizsäcker [[108]] hat 1946 dazu bemerkt: "Man fühlt mehr und mehr die Gefahr, die in der Spezialisierung der Wissenschaften liegt. Man leidet unter den Schranken, die zwischen den Fächern aufgerichtet sind." Hier müssten also trans- oder in­terdisziplinäre Aussagen ge­macht werden. Letztlich sind es ganz entscheidend auch ethische Aspekte, welche nur vom Ganzen her und in der Vernetzung betrachtet werden können. Aber auch um­gekehrt gilt: Vernetztes, insbeson­dere aber ganzheitliches Denken muss ethische Anlie­gen auch einschliessen; ein sehr grosser Anspruch.

Richtig eingesetzt können die Werkzeuge der Mustererkennung und der Synergetik die Teamfähigkeit, vor allem aber das selbständige Lernen an der Aufgabe unterstützen und fördern. Hier könnten auch An­sätze zum Verständnis anderer Kulturen wichtig werden [[109]]: "Man ist in Fernost der Ansicht, dass diese un­scharfe Denk- und Handlungsweise den fernöstlichen Völkern noch viel näher ist als dem westli­chen, in­dustrie­geprägten Menschen."

 

These 8:

  Wie gehen wir mit Neuerungen um ???

                    1. Es ist nicht wahr

                                       2. Es ist wahr, aber nicht wichtig

                                                                     3. Es ist wichtig, aber nicht neu

 

Wir sind beim vernetzten Denken zum Teil schon auf der Stufe 2 an­ge­langt und überzeu­gen uns meist selbst davon, dass wir mit den konventionellen Ausbildungsmethoden alle Forderungen der Stufe 3 erfüllen. Die Wis­sen­schaft im Bereich der Kybernetik, Morphologie, System­dynamik, Synergetik und Chaostheorie zeigt aber deutlich, dass methodische und didaktische Voraussetzungen erfüllt sein müssen, wenn ver­netztes Denken nicht ein leerer Begriff bleiben soll.

 

These 9:

Im Bereich der Lehre von vernetzten Systemen sollte der Transfer synthetischer und nicht nur ana­lyti­scher Me­thodik und Di­daktik auf die entsprechende Ausbildungsstufe für alle Fachbereiche möglichst bald an die Hand genommen werden. Nur so gelangen wir einmal auf die Stufe 3 der These 8.

 

Die hier angesprochenen Methoden sind, modern ausgedrückt, Problemlösungver­fahren, wel­che sich ganz unabhängig von der Anwendung einsetzen lassen. Idealerweise braucht es für jedes Ge­biet ein Team von Fachleuten, welche die Methodik auf die Ei­genheiten des Fachs und die Ausbildungs­stufe ab­stim­mt. Vernetzte Betrachtungswei­sen sind eine grosse Chance, die wesentlichsten Be­reiche der ein­zelnen Fachgebiete, unter dem Blickwinkel des Ganzen, der Allgemeinbildung, abzustecken. Sie könnten aber auch sehr viel zur Kommunikation zwischen Fachgebieten, Abteilungen, ja ganz allge­mein zwischen Spezialisten beitragen. Es kann beispielsweise einem Chemiker nicht erspart werden, sehr viele Sub­stan­zen, Substanz­eigen­schaften, Reaktionsmechanismen und Reaktionen zu kennen, aber mit dem Ver­ständ­nis der Rückkopplung kann das Ver­halten von exothermen Reaktionen [[110]] viel besser ver­standen [[111]] werden,  ein beacht­licher Sicherheitsgewinn.

 

Immer wichtiger wird es werden, über Methoden zu verfügen, mit der zunehmend wachsenden Informations­menge vernünftig fertig zu werden. Der Philosoph Hermann Lübbe [[112]] macht auf diesen Aspekt auf­merk­sam: "Speziell in der wissenschaftlichen Öffent­lichkeit lässt sich gegenwärtig beobachten, dass sich eine Zeitschere auftut zwischen dem In­formationszuwachs einerseits und dem Zuwachs un­serer Infor­ma­tions­selektionskompetenz andererseits." Gute Hinweise mit dieser Problematik umzuge­hen, die auf der Neuro­biologie basieren, hat Frederic Vester [[113]] gemacht. Leider fehlen bei diesem Ansatz aber die me­thodi­schen Voraussetzungen um die Kopplungen zwischen den Kriteriensätzen eindeutig zu erfas­sen. So wird nicht gesagt, ob die Wirksam­keit, die Empfindlichkeit oder die maximale Wirkung als Mass ver­wen­det wer­den soll.

 

Die Geisteswissenschaften können solange keine tieferen Einsichten liefern, als sie die wichtigsten na­turwissen­schaftlichen Erkenntnisse, vor allem aber gesicherte Beobachtungen, nicht umfassend berücksichtigen. Die symbolhafte Darstellung na­turwissenschaftlicher Sachverhalte überwindet Felder, die mit der natürlichen Sprache oft nicht zu füllen sind. Diese Lücken werden von Saint- Exupéry in die Worte gefasst [[114]]: "Um die Welt von heute zu deuten, gebrauchen wir eine Sprache, die für die Welt von gestern geschaffen wurde. Darum erscheint uns auch das Leben der Vergangenheit naturgemässer zu sein, nur weil es un­serer Sprache gemässer ist." Methoden, die hier Brücken schlagen könnten, müssten von Natur- und Geisteswissen­schaften eigentlich mit Interesse geprüft werden.

Die Philosophie war immer ein Inbegriff dafür, dass sie den Überbau über alle anderen Wissenschaften machen kann. Ist das so sicher? Jeanne Hersch [[115]] meint dazu: "Die zeitgenössische Philosophie hat mithin eine entscheidende Aufgabe ausser acht gelas­sen; sie hat die geistigen Voraussetzungen der wis­senschaftlichen Forschung nicht er­hellt und hat nicht gefragt, welcher Art ihre Antriebe, Hypo­thesen und Methoden sind; sie hat nicht untersucht, auf welche ethische Grundlage sich ihre Nach­prüfungen und ih­re Zweifel berufen, was die Gültigkeit ihrer Zwecke ausmacht und wie weit ihre Verbindlich­keit reicht; sie hat die Geschichte der Naturwissenschaften nicht als einen menschlichen Prozess innerhalb der Kultur analy­siert; sie hat ihre Terminologie und Symbolik kaum hinterfragt, und doch haben diese die kritische Refle­xion der Zeitgenossen sowie auch ihren Sinn für das Sein grundle­gend verändert."

Sind hier die Naturwissenschaften in einer besseren Situation? Der Physiker Harald Fritzsch [[116]] meint dazu: "Eine wichtige Lehre, die wir aus den Erkenntnissen der mo­dernen Natur­wissenschaften (auch für die Geisteswissenschaften zum Beispiel die Philo­sophie, die Geschichte..) ziehen müssen, ist der Ver­zicht auf den naiven Glauben an das Prinzip von Ursache und Wirkung. Unser Gehirn ist so an­gelegt, dass wir bei jeder Gele­genheit der Illusion verfallen, jeder Natur­prozess sei das Ergebnis des Wirkens ei­ner oder weniger Kausalketten, nach dem Muster: Dieser Prozess läuft ab, weil jener Prozess vorher ab­lief, und je­ner folgte... Dieses Denken in eindimensionalen Kausal­ketten ist eine menschliche Eigen­schaft, die die Wirklichkeit nur unzureichend zu beschreiben vermag." Die neuesten Erkenntnisse der Chaos Theorie las­sen denselben Schluss zu [[117]]: "Chaos stellt auch den reduktionistischen Standpunkt in Frage, nach dem man ein Sy­stem verstehen sollte, indem man es zerlegt und die einzel­nen Teile stu­diert. Dieser Standpunkt ist in den Naturwissenschaften unter anderem deshalb so vor­herrschend ge­we­sen, weil es so viele Systeme gibt, für die das Verhalten des Ganzen durch die Summe der Teile be­stimmt wird. Chaos zeigt jedoch, dass ein System als Folge von ein­fachen, nichtli­nearen Kopplungen zwischen nur wenigen seiner Teile kompliziertes Ver­halten zeigen kann. In einer Viel­zahl wissenschaftli­cher Gebiete von der Be­schreibung mikroskopischer Physik bis zur Behandlung ma­kroskopischen Ver­hal­tens biologischer Sy­steme ist dies ein akutes Problem geworden. Es hat in den letzten Jahren einen ge­waltigen Fortschritt in den Methoden zur detaillierten Bestimmung der Sy­stemstruktur gegeben, aber die Integration all dieses Wissens hat dadurch gelitten, dass es bisher we­nig theoretische Konzepte zur Be­schreibung qualitativen Verhaltens gibt." Dieser An­satz der Chaostheorie ist be­sonders wertvoll, weil er eine konkrete Möglich­keit auf­zeigt, die kleinen Details, die einfachen Er­kenntnisse, mit einem grösseren System zu ver­knüpfen. Die Aussagen hören sich fast revolutionär an: "Schon jetzt hat die Wis­senschaft vom Komplexen völlig neue Einsichten in die Mög­lichkeiten und Gren­zen si­cherer Vorhersagen und ob­jektiver Erkennt­nisse geliefert. Dies wird Rückwir­kungen auf unser wis­senschaftli­ches Weltbild haben und damit auch auf das Selbstverständnis der Menschheit, denn wissen­schaftliche Erkenntnisse haben seit eh und je Weltan­schauungen beein­flusst." [[118]]. Die Zukunft wird weisen, wieviel von der Chaostheorie Reiz des Neuen ist und wie viel als breit gültige Theorie aufgenommen werden kann.

 

These 10:

Mit der Entwicklung der Synergetik, Strukturwissenschaft, Theorie komplexer Sy­steme oder Chaos- Theorie zeichnen sich Möglichkeiten ab, den Zusammenhang von einzelnen Parametern und gan­zen philosophischen, so­zialen, wirtschaftlichen, ökologischen, chemi­schen und physikalischen Systemen besser zu erken­nen. Ei­ne stufengerechte Um­setzung wäre eine herausfordernde pädagogische, methodische und di­daktische Aufgabe.

 

Die hier skizzierten Wege sind nicht einfach. Ilya Prigogine - eine der Schlüsselfiguren der Chaosforschung - hat wichtige Hürden aufgezeigt, die beim Denken in nichtlinearen, dynamischen Systemen überwunden werden müssen: "Unser Denken an die subtile ganzheitliche Komplexität anzupassen ist deshalb so schwer, weil wir versucht haben mit Hilfe von Voraussagen der Zeit zu entrinnen. Es ist ein Axiom der Chaostheorie, dass es keine Abkürzungswege gibt, auf denen man das Schicksal eines komplexen Systems erfahren könnte; seine Entwicklung lässt sich nur in "Echtzeit" verfolgen. Die Zukunft enthüllt sich nur im Aufdröseln der Gegenwart von Augenblick zu Augenblick. Stellen wir uns der Begrenzung, ja der Unmöglichkeit von Vorhersagen, so können wir in die wirkliche Zeit zurückkehren und sie als die Grenze zwischen Ordnung und Chaos, zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, als Tiefe der Spiegelwelten akzeptieren."

 

Hier gilt es ganz deutlich darauf hinzuweisen, dass ein solides Fachwissen, durch vernetztes Denken nie er­setzt werden kann; die Verankerungspunkte sind ebenso wichtig, wie die Verbindungen. Die wichtig­sten Kriterien oder Variablen eines grossen Systems können nach wie vor nur intuitiv gefunden werden.

 

Wenn Philosophen, Naturwissenschaftler, Techniker und Ökonomen aber alle dasselbe Defizit bei grund­sätzlichen, umfassenden Fragestellungen, Methodik und Systematik se­hen, könnte schon etwas daran wahr sein.

 

Murray GellMann [[119]] charakterisiert eine heute weit verbreitete Situation bei Sekten, Okkultismus, Astrologie : "Junge Menschen, ermüdet von der Tyrannei schlecht program­mierter Computer und von Menschen, die wie schlecht pro­grammierte Computer handeln, fallen in die Hände von Kartenlesern und Scharlatanen..". Da müssen wir einen sinnvollen Ausweg finden. Wir sollten vermehrt bereit sein die Wahrheit im Sinne von Saint- Exupéry zu suchen: "Für den Menschen gibt es nur eine Wahrheit, das ist die, die aus ihm einen Menschen macht." Die interdisziplinären und vernetzten Ansätze zeigen hier den richtigen Weg, da sie Einblicke in grössere Gebiete erlauben und durch die intuitiven Kom­po­nenten den Menschen selbst mehr einbeziehen. Sie könnten kleinste Teile der Kom­plexität des Lebens gleichzeitig mit umfassenden Lebensbereichen ein­schliessen und zu tieferen Einsichten im Sinne von Weizsäcker führen [[120]]: "Der Mensch sucht in die sachliche Wahrheit der Natur einzudringen, aber in ihrem letzten, unfassbaren Hintergrund sieht er wie in einem Spiegel unvermutet sich selbst."

 

Methoden, welche Details zu ganzen Systemen oder realitäts­bezogenen Bereichen syn­thetisieren, lie­fern oft Resultate, die nur schwer, nicht sofort oder nicht direkt überprüfbar sind. Viele Erfahrungen zeigen aber, dass die Ergebnisse auch einfacher integrierender Verfah­ren die Wirklichkeit meist gut beschrei­ben [z.B.: [121]]; ersetzten können sie sie nie. Es muss daher ein Ziel umfassender Bil­dung sein, prakti­sche Erfah­rung [[122]], gleich­zeitig mit der Anwendung theoretischer Werkzeuge, in breitem Ausmass Erfahrung zu gewinnen. Zum Vernetzen benötigen wir Stützpunkte in Form von harten Fakten, Verbindungen mit gesicherten Strukturen und klaren Zusammenhängen, vor allem aber persön­lichen Erfahrungen. Jede Methode hängt ohne diese sorgfältigen Verankerungen in der Luft, sie bleibt ein weltfremdes Konstrukt. Trotzdem kann jedes Modell nur eine Annäherung an die Realität sein, denn in dynamischen, kom­plexen Systemen ist es praktisch unmöglich einen vollstän­digen Variablensatz zu finden, der das Ganze be­schreibt [[123]].

 

These 11:

Gleichzeitig, und als Teil von Methoden für vernetztes Denken, müssen erhärtete Fakten gut darge­stellt und vor allem praktische Erfahrungen gewonnen werden kön­nen. Nur mit stabilen und robu­sten "Stützpunkten" ist es möglich, ein Netz als realitäts­nahes System aufzubauen. Das Ganze kann nie bes­ser sein, als die Grund­lagen.

 

Möglicherweise wäre eine Ansicht von Saint- Exupéry [[124]] Grundlage um ein System zu überprüfen: "Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern, wenn man nichts mehr wegnehmen kann."

 

Rasche Ergebnisse sind im Bereich des vernetzten Denkens nicht zu erwarten, spricht er doch viel zu grundsätzliche Punkte an. Wäre es aber nicht eine didaktische und pädagogische Aufgabe, die Entwick­lung zu verfolgen, für die Ausbil­dung aufzuarbeiten, und organisch einzubauen ? Im Artikel mit dem Titel: "Abschied vom linearen Den­ken" kommt Gerd Häusler [[125]] zum Schluss: "Unabhängig von jeder techni­schen und wirtschaft­li­chen An­wendbarkeit der nichtli­nearen Dynamik ist es wichtig, dass wir uns konse­quent vom linearen Denken lö­sen: im Alltag, in der Wissenschaft und besonders in der Politik." So radikal muss es nicht sein, aber das lineare Vorgehen sollte durch systemische Wissensstrukturen doch minde­stens ergänzt werden. Pro­blem­lösungs­ver­fahren können, auf den ersten Blick überraschend, auch Hypo­theken für das Lösen prak­tischer Probleme sein [[126]], dies gilt auch für neue Methoden. Die Ausbildner haben selbst noch keine Didaktik und wenige Metho­den für vernetztes Denken. Zuerst müssen die Grundlagen, auch die Semantik und die fundamentalen Grundsätze und Regeln für Basis­strukturen ver­schiedener Disziplinen gegenübergestellt werden, eine Vor­aussetzung für inter­disziplinäres oder trans­disziplinäres Vernetzen - einer Schlüsselqualifikation. Dann erst kann eine Einführung erfolgen mit: "Teach the teacher".

 

Das Vorgehen muss sich an ein vernetztes Schema halten. Dabei ist die Rückkopplung der Massnah­men auf die zugrunde gelegten Konzepte, Phänomene und die Ziele zu be­achten, Fehler müssen als Chance für Verbesserungen und Fortschritte gesehen wer­den:

 

 

 Ziele <-> Phänomene <-> Konzepte, Theorien <-> Massnahmen

<------------------------------------------------------------------------------>

 

Ein Ziel könnte sein: grosse Bereiche überblickbar zu machen, wobei die Übersicht nicht zu ei­ner Verfäl­schung der wesent­lichen Details führen darf. Die Phäno­mene sind offensichtlich: rasante Zu­nahme an Information, zunehmendes Detailwissen, be­schleunigt wachsende Technologie, immer weiter­rei­chende Möglich­keiten für Eingriffe, zunehmend komplexere Entscheidungen. Es ist aber auch ein wichti­ges Phä­nomen, dass wir immer mit unvollständigen, unsicheren und unscharfen Angaben ar­beiten müs­sen. Kon­zepte und Theorien mit vernetzten und komplexen Systemen umzugehen, sind für verschie­dene Anwen­dungen bekannt, es würde nun als Massnahme darum gehen, praxistaugli­che Werkzeuge für einen brei­ten Einsatz bereitzustellen. Sehr grosse Behutsamkeit ist ange­sagt, denn die Einführung ho­listischer Me­thoden ist eine Grat­wande­rung, ein abgleiten in die nichtssagende Ober­flächlich­keit ist wohl die grös­ste Ge­fahr. Falsche Detail­kenntnisse werden auch mit der besten ver­netzenden Methode nie zu ei­ner guten ganzen Aussage führen [[127]]. Jede Aussage kann auch bestenfalls das abge­grenzte Sy­stem betreffen, und auch dies nur, so­fern die Be­ziehungen nach aussen erfasst worden sind. Die Problemlöseverfahren für vernetzte Systeme fördern die Kommunikation, sie zwingen zu inter- und transdisziplinärer Arbeit. So gesehen kann der Weg zur Problemlösung einen dem Ziel vergleichbaren Wert erhalten.

Die Kritiken waren immer, sehr oft zu Recht da, sie fehlen auch heute nicht. So könnten manchmal einzelne Massnahmen iso­liert gese­hen sehr sinnvoll sein, und müssen keine ver­nünftige Be­gründung im Ganzen finden [[128]].

 

These 12:

Vernetztes Denken ist in aller Munde. Was uns fehlt, sind Anleitung und wirkungsvolle, nicht notwedigerweise perfekte Me­thoden für die Praxis.

 

Es darf uns bei Methoden zum vernetzten Denken nicht passieren, dass der Aus­spruch von Mark Twain Bedeutung erhält: "Wenn das einzige Werkzeug ein Hammer ist, neigt man dazu alle Probleme als Nägel zusehen."

 

Die drei Fragen die bei einer Weiterentwicklung bearbeitet werden müssen sind:

1.  Was wollen wir erreichen ?

2.  Was wollen wir vermeiden ?

3.  Was wollen wir beibehalten ?



1 NZZ, Nr. 254, S.65, 1. November (1989)

[2] de Jardin T., Der Mensch im Kosmos, C.H.Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München (1959) S.28ff

[3] Vester F., Unsere Welt ein vernetztes System, Deutscher Taschenbuch Verlag, München (1983)

[4] Vester F, Leitmotiv vernetztes Denken, Wilhelm Heyne Verlag, München (1988)

[5] Vester F., Neuland des Denkens, Buchclub Ex Libris, Zürich (1982)

[6] Capra F., Wendezeit, Buchclub Ex Libris, Zürich (1984)

[7] Vernetzung wurde in diesem Zusammenhang vom chemischen Prozess bei Polymeren abgeleitet, und meint die syste­matischen, allseitigen und häufigen Querverbindungen von Hauptketten.

[8] Vester F, Leitmotiv vernetztes Denken, Wilhelm Heyne Verlag, München (1988), S.20

[9] Gomez P., Probst G.J.B., Vernetztes Denken im Management, Schweizerische Volksbank, Nr.89, Bern (1987)

[10] Ulrich H., Probst G.J.B., Anleitung zum ganzheitlichen Denken und Handeln, Verlag Paul Haupt, Bern und Stuttgart (1990)

[11] Bochenski J.M., Wege zum philosophischen Denken, Verlag Herder KG, Freiburg im Breisgau (1959), S.58

[12] Ebert Ch., Scharfe Regler mit unscharfer Logik, Technische Rundschau, Heft 24 (1992) 60

[13] Zimmerli W.Ch., Ein Lob der Ungenauigkeit, Technische Rundschau, Heft 38 (1992) S.36

[14] System: Aufbau, Gefüge, gegliedertes Ganzes; aus griech.: systema "Zusammenstellung, Gebilde, Gesamtheit"

[15] Miller G.A., The Magical Number Seven Plus or Minus Two: The Limits in our Capacity for Processing Information, Psy­chological Review, 63 (1956)

[16] Vogel E.K., McCollough A.W., Machizawa M.G., Neural measures reveal individual differences in controlling access to working memory , Nature, 438: 500-503 (2005)

[17] Methode: Art und Weise, wie etwas getan wird, Verfahren; aus griech. methodos "Weg, etwas zu erreichen, Art der Un­tersuchung", aus meta "nach..hin" und hodos "Weg".

[18] Weiss H., Mit dem Computer simulieren, Technische Rundschau, Heft 21 (1990) 94

[19] Steinlin U.W., Thesen zum Gymnasialunterricht in Naturwissenschaften, Gymnasium Helveticum, 6, 293 (1988)

[20] Wenk K., Trommer G., Unterrichten mit Modellen, Leitthemen 2/78, Georg Westermann Verlag, Braunschweig (1979)

[21] Schaefer G., Trommer G., Wenk K., Wachsende Systeme, Leitthemen 1/76, Georg Westermann Verlag, Braun­schweig (1976)

[22] Capra F., Wendezeit, Buchclub Ex Libris, Zürich (1984) 80

[23] Peier O.J., Denken wir noch, oder