Die Dinge haben nur den Wert,
den man ihnen verleiht.
[Molière, eigentlich Jean Baptiste Poquelin, (1622-1673)]
Jede Linie zeigt an den beiden Enden Besonderheiten. Wie immer wir auch die Enden zeichnen, sie sind von der Linie selbst verschieden. Diese Beobachtung kann auch im täglichen Leben gemacht werden.
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die Gerade |
die beiden Enden |
ein Ende im Detail |
Abbildung 1: Eine Gerade: Ein Buchenholzstab
Die beiden Stirnseiten des Stabes verhalten sich optisch und mechanisch anders als die Rundseiten des Stabes – eigentlich trivial. Die Trivialität vermindert die Bedeutung keineswegs, im Gegenteil: Diese grundsätzliche Feststellung lässt sich am Beispiel von Hexan (C6H14) auch auf die molekulare Ebene übertragen.
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Konfiguration CH3-CH2-CH2-CH2-CH2-CH3 |
Elektronendichte (Rot: negativ, Blau: positiv) |
Elektronendichte von vorne |
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Entgegengesetzte Pole ziehen sich an, Blau und Rot.
Abbildung 2: Molekülmodelle von Hexan (C6H12)
Folgerung:
Die beiden Enden von Hexan sind anders als der mittlere Teil – sie werden auch von anderen Molekülen „anders gesehen“, da sich die Elektronenverteilung in der Mitte (-CH2-) und an den Enden (-CH3) unterscheidet.
Bei grossen Molekülen, z.B. den Makromolekülen, sind die Enden ebenfalls anders, als die Bereiche im Mittelteil der Kette. Die besonderen Eigenschaften der Enden tragen, auf das ganze Molekül gesehen nur einen kleinen Beitrag bei und werden daher oft vernachlässigt - trotzdem sind diese Unterschiede vorhanden.
Zwei Beispiele mögen das verdeutlichen: Polyethylenglycol und PVC
Bei Polyethylenglycol sind nur an den Enden Hydroxylgruppen (-OH) : (C14H30O16,
HO-CH2-CH2-O-CH2-CH2-O-CH2-CH2-O-CH2-CH2-O-CH2-CH2-O-CH2-CH2-O-CH2-CH2-OH)

Abbildung 3: Ein kurzes Stück von Polyethylenglycol
Die beiden Enden von PVC (16 C) sind völlig unterschiedlich.

Abbildung 4: Ein kurzes Stück von Polyvinylchlorid (PVC)
Das eine Ende von PVC zeigt eine CH2-Cl, das andere Ende eine CH3-Gruppe. So ist es nicht verwunderlich, dass sich diese beiden Endgruppen physikalisch und chemisch unterscheiden. Ein Modellvergleich soll diese Unterschiede noch anschaulicher machen.

Abbildung 5: Eine geometrische Analogie zu PVC
1. Zeile: Schematische Darstellung eines einzelnen Bausteins als Pfeil mit Öse.
2. Zeile: Vinylchlorid, Einzelbaustein
3. Zeile: Schematische Kette mit den beiden unterschiedlichen Enden
4. Zeile: Kette von PVC mit den unterschiedlichen Enden
Die Enden von Makromolekülen spielen auch in der Natur eine bedeutsame Rolle. Die DNA, die Erbsubstanz, und die daraus aufgebauten Chromosomen sind an beiden Enden chemisch besonders reaktiv, weshalb diese geschützt werden müssen.
Der Schutz der Enden mit Schleifen[1].
Die Enden der Chromosomen bilden Schleifen aus. Anscheinend schützen diese die DNA vor unerwünschten Eingreifen durch die Reparaturmaschinerie der Zelle.
Am Ende jedes Chromosoms befindet sich ein Abschnitt der DNA - Telomer genannt, der die Chromosomen bei ihrer Verdopplung vor dem "Zerfransen" bewahrt, ähnlich wie es bei den Enden von Stahlseilen gemacht wird. Es wird noch spannender. Diese Telomere werden bei jeder Zellteilung etwas abgebaut, was zur Folge hat, dass die Zellen immer etwas "älter" werden. Die Natur macht uns deutlich: Die Enden sind besonders empfindlich. Dass diese Telomere auch für das Altern der Zellen verantwortlich sind, zeigt uns die besondere Bedeutung der Enden von Molekülen für das Leben.
[1]de Lange T., Griffith J., Rockefeller University, Cell, 14. Mai 1999, zitiert in Ticker 18. Mai 1999