Das Staunen ist eine
Sehnsucht nach Wissen
[Thomas von Aquin (1225-1274), italienischer Philosoph und Theologe]

Wer hat beim Herstellen einer Salatsauce nicht schon bemerkt, dass Öl andere Tropfen bildet als Essig. Das Öl ist viel zäher als Essig, der Tropfen wird grösser.
Tropfen[1] sind kleine Flüssigkeitsmengen, die durch die Oberflächenspannung Kugelgestalt zu erhalten suchen. Die Grösse der Tropfen (das Volumen) ist abhängig von Dichte, Oberflächenspannung und Adhäsion (beispielsweise an der Tropfspitze) der betreffenden Flüssigkeit sowie der Öffnungsweite des Tropfen -Ausflusses. So entspricht beim Austreten aus einem spezifizierten Tropfenzähler 1 g folgender Substanzen der jeweiligen Anzahl Tropfen (in Klammern Gewicht des Tropfen in mg): Diethylether 88 (11), 96%iges Ethanol 63 (16), Benzin 86 (12), Glycerin 24 (42), Paraffin 50 (20), Wasser 20 (50), Ammoniak-Lösung 23 (43), Chloroform 58 (17), Leinöl 42 (24), Olivenöl 48 (21). Für Alkohole gilt: Je länger ein Alkohol, desto grösser ist die Oberflächenspannung bei gleicher Konzentration[2].

Dieses einfache Experiment zeigt uns anschaulich, wie die Oberflächenspannung im Alltag in Erscheinung treten kann.
Die Oberflächenspannung rührt daher, dass Teilchen im Innern (a) und an einer Oberfläche (b) mit ihrer Umgebung eine andere Struktur von intermolekularen Bindungen eingehen. Bei Teilchen a gleichen sich alle Kräfte aus, was bei Teilchen b nicht der Fall ist. Der durch die Oberfläche verursachte, nicht ausgeglichene Teil der Kräfte, ist für die Oberflächenspannung verantwortlich.

Abbildung 63: Tropfengrösse und Tropfenzahl als Hinweis auf die Oberflächenspannung verschiedener Substanzen
Was mit Öl und Essig im Alltag erfahren wird, ist durch diese Messungen bestätigt. Genauere Werte von Oberflächenspannungen können in Tabellenwerken gefunden werden. Wasser, unser "Lebenselixier" zeigt auch hier eine Sonderstellung.
Tabelle 10 : Oberflächenspannung
|
Substanz
|
Formel |
Molmasse g/mol |
Oberflächenspannung[3] J/m2 |
|
Wasser |
H2O |
18 |
7.3 Ÿ 10-2 |
|
Kohlendioxid |
CO2 |
44 |
1.2 Ÿ 10-3 |
|
Pentan |
C5H12 |
72 |
1.6 Ÿ 10-2 |
|
Glycerin |
C3H8O3 |
92 |
6.3 Ÿ 10-2 |
|
Chloroform |
CHCl3 |
119 |
2.7 Ÿ 10-2 |
Die von der Oberflächenspannung verursachte Kapillarwirkung hat ebenfalls eine chemische Ursache. So sind die Kräfte der Flüssigkeitsmoleküle in einem Rohr sowohl gegen die Oberfläche, wie auch gegen die Wände anders als gegen die Flüssigkeit selbst - die Folge davon sind die Kapillarkräfte.
[1]Römpp Lexikon Chemie – Version 1.5, Stuttgart/New York: Georg Thieme Verlag 1998
[2]Schwuger M.J., Lehrbuch der Grenzflächenchemie, Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York, 1996, 99
[3] Oberflächenspannung: benötigte Energie, um eine Oberfläche zu vergrössern